Warum das ganze Unterfangen?

Nun diese Frage ist (mal wieder) nicht so einfach zu beantworten. Also fange ich mal in meiner Vergangenheit an.

Wie Du vielleicht gelesen hast bin ich in einem kleinen Dorf aufgewachsen und auch dort zur Schule gegangen. Als Jugendlicher wird einem das leicht zu eng, vor allem wenn man nicht so recht zu den anderen passt. Um nun raus zu kommen und dabei auch möglichst unabhängig zu sein boten sich zunächst die öffentlichen Verkehrsmittel und das gute alte Fahrrad an. Die Nachteile beider Verkehrsmittel liegen klar auf der Hand: Die Öffentlichen hatten damals einen äußerst bescheidenen Takt und abends war schon um 19:00 Uhr Sense (zumindest an den Wochenenden). Von den Kosten wollen wir erst gar nicht reden. Mit dem Fahrrad hatte man einen bescheiden kleinen Radius und man kam nur in die umliegenden Dörfer und Stättchen.

Der erste Hauch der großen Welt erkundete ich somit mit dem Mofa. Man stelle sich vor, Bietigheim war nun - relativ bequem -  zu erreichen und ich hatte auch das Alter erreicht, welches nötig war, um Eintritt in die Teenie-Discos zu erhalten. Aber auch diese Welt wurde bald zu klein.

Mit Beginn meiner Ausbildung hatte ich die erste richtige Stadt, nämlich Stuttgart, erreicht. Ja, belächle es nur! Eventuell hat Stuttgart Schwierigkeiten mit den Metropolen dieser Welt schritt zu halten, aber für mich als Junge vom Land war es gewaltig. All diese Möglichkeiten - wenn da nicht wieder die öffentlichen Verkehrsmittel aufgetaucht wären. Glaubt mir es ist wenig lustig eine kalte Winternacht auf dem Bahnsteig des Kornwestheimer Bahnhofes zu verbringen. Die Ursache? Der Betriebschluss der S-Bahn und weiter hat das Geld für ein Taxi einfach nicht gereicht.
Aber ich hatte ja meine 80'er. Voll im Trend der damaligen Zeit war es eine Enduro - das einzige was für einen Wave in Frage kam. Mit ihr konnte man endlich die Samstag Abende im Oz und vor allem im Odeon verbringen - und man musste nicht wie kein kleiner Bub gehen wenn's am schönsten war. Auch zum ersten Besuch einer Schwulen-Disco fuhr ich mit meiner "Maschine".
Leider brachte auch meine Enduro ein gewaltiges Problem mit sich: Der Helm! Da Brauchte man schon ne Stunde um sich die Haare zu richten, dann kam der Helm und alles war futsch. Ich weis nicht mehr was teuerer war, mein Spritverbrauch oder der Verbrauch an Trockenshampoo und Haarfestiger. Obwohl ich meine Ausfahrten genoss und meine 80er für mich der Inbegriff von Freiheit war hatte bald das Auto die höchste Priorität. Trotzdem habe ich die Stunden auf meinem 80er nie vergessen.

Die Jahre gingen ins land und irgend wie hatte ich das Motorradfahren aus meinem Gedächtnis verdrängt. Zum ersten mal hat es mich wieder gejuckt, als uns auf der Autobahn in Genua eine Gruppe von Motorradfahrer überholten und einige Zeit vor uns herfuhren. All die Kerle auf ihren Maschinen und in ihren engen Lederkombis die die kurvenreiche Stadtautobahn sichtlich genossen... (habe ich erwähnt das ich schwul bin?)
OK - Die Saat war gesät und begann zu keimen. Diesen Urlaub hatte ich vor allem Augen für die Biker. Leider stellte sich heraus, dass mein Freund Thomas keinerlei Interesse am Motorrad fahren hatte. Also sah ich es als Geldverschwendung an, den Führerschein zu machen. Meine Freizeit wollte ich eben mit ihm verbringen und unsere gemeinsame Zeit war sowieso sehr knapp bemessen. Es tauchte dann immer wieder der Gedanke an ein 125er auf, da ich diese ja mittlerweile ohne weiteren Führerschein fahren durfte. Aber 125er? Nee - nicht wirklich!

OK! Nun bin ich (endlich - ich weis - sorry!) in der Gegenwart angekommen! Meine Beziehung mit Thomas liegt hinter mir, die Haare sind auch weg (die Sache mit dem Helm - Du weist schon), die fette 40 und die Midlifecrisis ist in Sichtweite und mein Freund ist Biker - und was für einer! Die erste Ausfahrt als Sozius mit Bernhard hatte zwei Seiten. Eine Seite - der Lederkombi, die Maschine unter und Bernhard vor mir. Der Himmel! Die andere Seite - diese verflixten Kurven, vor allem die Rechtskurven! Die Hölle - man, hatte ich Schiss! Es ist schon was anderes auf einem 80er bzw. dem Motorroller meines Schwagers zu sitzen oder auf der Bandit. Aber was blieb war der Wunsch - oder die Sucht - nach mehr.
Also ran an die Sache - Freiheit ich komme!

 Der Führerschein und was dazu gehört
14. Dezember 2005

Nach dem ich heute die Zeit fand fuhr ich zunächst zu der Fahrschule, welche mir empfohlen wurde. Gebüffelt habe ich ja auch schon, leider stellte es sich heraus, dass es ein ganz schönes Stück von Ostfildern aus entfernt ist. Das ist einfach zu unpraktisch und frisst viel zu viel Zeit.
Also bin ich einfach mal zu der Fahrschule um die Ecke gegangen und habe mich dort informiert.
Überraschung! Auch dort Fährt der Fahrlehrer mit dem Motorrad, sie ist billiger und die Sonderfahrten werden in der Regel in Form von Tagesausfahrten am Wochenende erledigt.
Somit bin ich jetzt endgültig angemeldet (und einige Euros ärmer).
Der erste Schritt ist getan.

12. Januar 2006

Die erste Theoriestunde.
Es ist schon ein wenig seltsam, wenn ein fast 40-Jähriger zum Theorieunterricht kommt. Große Augen bei den Pubertierenden "Was der kommt zum Unterricht?". Als irgendwann klar wurde, dass ich schon 20 Jahre Auto fahre, stiegen die Anforderungen. Nach dem Motto: "Das musst du doch wissen!".
Aber es macht doch sehr viel Spaß und ich glaube, die Auffrischung der Theorie ist gar nicht schlecht.

25. Januar 2006

Ein Kollege weist mich auf ein Angebot seines Händler hin. Eine Suzuki Bandit 1200 für 6900,- Euro als Vorführmodell. Die Gedanken beginnen zu kreisen - schließlich fährt mein Mann auch eine Bandit.

26. Januar 2006

Mein Mann und ich gehen los uns Motorräder anzusehen. Es stellt sich heraus, dass das Angebot von gestern keines ist und man für den gleichen Preis ein neues Motorrad des 2005 Modells bekommt.
Aber irgendwie ist mir die 1200 zu groß, unhandlich und zu schwer.
Die 650 käme schon besser hin, hat ABS gefällt mir aber nicht so. Außerdem ist sie nur noch in rot oder silber zu bekommen, zwei Farben die gar nicht gehen. Also keine Bandit!
Was nun?
Als ich mich wieder ernsthaft mit dem Gedanken beschäftigt hatte den Führerschein zu machen, holte ich mir den Polo Katalog. Ohne viel Ahnung zu haben schaute ich mir die Motorräder an und blieb spontan an einer hängen.
Wie es der Zufall will stand diese Maschine auch im Laden. Nachdem die Bedenken von Bernhard, bezüglich der unter dem Sattel verlaufenden Auspuffrohre, ausgeräumt waren, dass auch ihm die Maschine sehr gut gefiel. Auch der Preis von 6100,- Euro schien ein sehr guter Preis für ein 2005er Modell zu sein.
An diesem Abend habe ich mal vorsorglich das Geld vom Sparbuch auf mein Girokonto transferiert.

27. Januar 2006

Wir fuhren wieder los. Diesmal lag der Schwerpunkt auf gebrauchten Maschinen. Ich staunte nicht schlecht, was man für alte Dinger zu horrenden Preisen bekam. Zum Teil 3 -4 Jahre alte Maschinen für knapp 1000,- bis 2000,- Euro unter dem Neupreis. Je neuer und je besser der Zustand, um so näher kamen die dem Neupreis.
Mal ehrlich: da lege ich doch ein wenig mehr hin und habe eine neue Maschine mit Garantie.
Da sich meine Banken mit dem Transfer des Geldes Zeit ließen, beschloss ich das Motorrad von gestern zu reservieren.
Ach so! Du fragst was es für eine ist?
Es ist eine Yamaha FZS6 Fazer, nagelneu, schwarz und einfach geil!

Tja beim Motorrad wie beim Mann - Kennen lernen, Liebe auf den ersten Blick, dagegen wehren und dann doch hoffnungslos verfallen. In vier Tagen ist es mein Motorrad!

30. Januar 2006

Diesmal folgten taten, das Ziel Louis. Gesucht wurde ein Helm, Stiefel und ein Lederkombi. Der Helm und die Stiefel haben wir mit einigem Aufwand auch gefunden, vor allem einen passenden Helm zu finden war nicht ohne. Leuder ist die Auswahl an Lederkombis eher bescheiden bzw. die Teile kosten ohne Ende.

31. Januar 2006

Der große Tag ist da! Mit nur 20 Jahren Verspätung bin ich stolzer Besitzer eines Motorrades!!!
Und die Wartezeit auf den Verkäufer hat sich ebenfalls gelohnt. Während wir warteten schauten wir uns die Lederkombis an. Und was soll ich sagen - da hing er! Ein Blick und alles war klar. In der Schnäpchen-Ecke fand ich einen gelb/schwarzen Dainese Lederkombi. Er ist zwar ein Modell vom Vorjahr aber der Preis war mehr als fair. Anprobiert und gepasst.

14. Februar 2006

Die Sache nimmt Gestalt an. Mein Bike ist zugelassen und ab März kann es los gehen. Leider fehlt immer noch der Führerschein..... Aber welch ein Ansporn!

24. Februar 2006

Die ersten zwei Fahrstunden liegen nun hinter mir. Was heißt - eine Stunde habe ich das Ding geschoben und aufgehoben, die andere Stunde Schrittgeschwindigkeit... Frag nicht wie ich am nächsten Tag aus dem Bett kam!

1. März 2006

Geschafft! Die theoretische Prüfung ist überstanden. (Ich kann diese dämliche Bögen nicht mehr sehen!) Mal sehen wann die praktische Prüfung folgt....

23. März 2006

Endlich steht mein Töf vor der Türe...

4. April 2006

So nun ist es also tatsächlich so weit. Ich bin rund 2000,- Euros ärmer habe aber endlich den Führerschein der Klasse A unbegrenzt.
Die erste Runde haben wir auch schon gedreht und es ist ein tolles Gefühl auf seinem eigenen Motorrad zu sitzen. Mögen viele Touren folgen......