Am 10. Oktober 2003 fand ein wichtiges Ereignis statt: Sylvia (eine langjährige Freundin von mir) und Steffi gaben sich das Ja-Wort. Ihre Beziehung dauerte zu diesem Zeitpunkt schon sieben Jahre und, nachdem die rechtlichen Grundlagen endlich geschaffen wurden, haben sie sich verpartnert.

Eine kleine Anmerkung vorweg: Der Begriff "eingetragene Lebenspartnerschaft" ist mir persönlich zu steril und zu nichts sagend. Da es hierbei aber um mehr geht - Liebe, gegenseitige Fürsorge und das Teilen der Lebenszeit - drängt sich mir der Begriff Hochzeit auf. Auch wenn ich nun die Begriffe Hochzeit und Ehe verwende so bedeutet dies nicht, dass ich die klassische Ehe und Familie in Frage stelle, ich sehe es lediglich als Erweiterung und Bereicherung der bestehenden Familienformen. Solltest Du lieber Besucher damit ein Problem haben, so werde ich mich gerne mit Dir darüber auseinandersetzen.

Für meinen Freund und mich begann das Großereignis so richtig als wir bei Sylvia und Steffi eintrafen. Für die beiden war wohl lediglich der Höhepunkt, das sie zweifellos viele Wochen zuvor mit den Vorbereitungen begonnen haben. Als wir nun bei den beiden eintrafen, konnte ich ihre Aufregung gleich spüren. Auch wenn Sylvia äußerlich einen recht ruhigen Eindruck auf mich machte, war sie wohl alles andere als gelassen. Steffi hatte die Unruhe gepackt. In anbetracht der Bedeutung der Hochzeit ist dies wohl für jeden verständlich, und so wurden die bevorstehenden Ereignisse immer wieder überdacht. Sind die Ringe da? Wurde alles Wichtige eingepackt? Werden wir rechtzeitig beim Landratsamt eintreffen? Und wie schnell kann man mit dem Blumenschmuck auf der Motorhaube fahren?
Nachdem alles überprüft war und Steffi's Trauzeugin eingetroffen war brachen wir in Richtung Landratsamt auf. Wir erreichten das Landratsamt auch ohne große Probleme und wohlbehalten, wenn auch ein bisschen zu früh ;-). Da das Landratsamt Freitags um diese Uhrzeit normalerweise schon geschlossen hatte, versammelten sich die Gäste so nach und nach vor dem Eingang. Obwohl es nicht regnete und ab und zu auch die Sonne hinter den Wolken hervorblinzelte, war es doch recht kalt. Als wir schließlich um 14:00 Uhr eingelassen wurden, hatte nicht nur ich kalte Ohren und eine feuchte Nase. Uns wurde jedoch recht schnell warm, da wir uns erstmal über mehrere Stockwerke zum Ort des Geschehens vorkämpfen mussten. Die Räumlichkeit war ein Problem, denn sie bot nur für 30 Personen Platz und einige konnten nicht an der Eintragung teilnehmen.
Aus Sicht des Beamten war die Eintragung lediglich ein Verwaltungsakt, und somit waren seine Worte eher nüchtern. Die Heirat wurde jedoch durch den Ringtausch und die Worte von Sylvia und Steffi richtig festlich. Die beiden beteuerten sich ihre Liebe und Sylvia trug ein Gedicht vor, welches ihr Steffi vor ein paar Jahren geschrieben hat. Ein Freund von den beiden hatte eine Rede vorbereitet. Spätestens als er diese vortrug hatte auch den letzten der Anwesenden die Rührung gepackt.
Nachdem Steffi's Nachname durch den folgenden Verwaltungsakt geändert wurde hatten die anwesenden Gäste die Gelegenheit den beiden zu gratulieren. Für mich war es ein Privileg und von großer Bedeutung bei der Hochzeit meiner Freundin dabei zu sein, und so kämpfte ich mit meinen Gefühlen und versuchte Haltung zu bewahren. Dies gelang mir auch bis ich Steffi gratulierte, aber bei Sylvia habe ich doch recht vor mich hin gestammelt.

In der Eingangshalle des Landratsamtes erwarteten die Kolleginnen und Kollegen von Steffi das Brautpaar, in dem sie - in vollem OP-Outfit - Spalier standen. Die beiden wurden aneinander gebunden und ihnen wurde ein Geschenk überreicht. Es war ihre erste gemeinsame Aufgabe das Geschenk zu öffnen. Es enthielt eine Schere, mit deren Hilfe Sylvia und Steffi die Fesseln zerschneiden konnten. Während des Sektempfangs, der von der Lesbengruppe organisiert wurde, ließ die Anspannung beim Brautpaar und den Gästen langsam nach.

Schließlich brach die Hochzeitsgesellschaft - unter lautem Gehupe - zur Festhalle auf, wo uns Kaffee und Kuchen erwartete. Es war ein Buffet mit den schönsten Kuchen aufgebaut, einer leckerer als der andere und nicht nur ich habe über die Stränge geschlagen (Viele Grüße an die fleißigen Bäckerinnen und Bäcker). Steffi's Kollegin Margot hatte zudem eine tolle Hochzeitstorte gebacken, welche vom Brautpaar feierlich angeschnitten wurde.

Aus persönlichen Gründen hatte ich vor dem folgenden Dankgottesdienst meine Bedenken. Diese wurden jedoch vollkommen zerstreut. Der Posaunenchor Attenweiler begleitete den Gottesdienst und Lorenz Teidelt sang ein Solo-Lied. Ein Highlight war die Predigt von Pfarrer Steffen Maile. In seiner Predigt ging er eindrucksvoll auf die Persönlichkeiten von Sylvia und Steffi ein und zeigte großes Einfühlungsvermögen in das Leben von Lesben und Schwulen. Auch die große Frage "bin ich richtig" - eine Frage die zweifellos nicht nur mich beschäftigt - wurde von ihm aufgegriffen. Ich glaube, würde es mehr Pfarrer wie Herrn Maile geben so hätten sich weniger Lesben und Schwule von der Kirche abgewandt. Ich fühlte mich zum ersten mal in der Kirche wirklich willkommen.

Zurück in der Festhalle begann die Hochzeitsfeier. Es gab ein leckeres Essen und das Brautpaar tanzte den Eröffnungstanz. Das Abendprogramm wurde von Live-Musik begleitet und durch Beiträge der Gäste bereichert. Es würde den Rahmen dieser Seite sprengen hier alles zu beschreiben, jedoch möchte ich zwei Vorträge besonders hervorheben die mir besonders gefallen haben:

Einige Mitglieder der Lesbengruppe berichteten uns aus dem Leben von Sylvia und Steffi in Form einer imaginären Nachrichtensendung. In den verschiedenen Nachrichtenthemen wurden uns unter anderem vom Kennenlernen der beiden, ihren Aktivitäten in der Lesbengruppe und von dem Zusammenhang ihrer neu entwickelten Sportlichkeit mit der wirtschaftlichen Krise zweier amerikanischer Konzerne (McDonalds und Coca-Cola) berichtet. Auch von ihrer Tierliebe wurde berichtet und ein Sparschwein hervorgezaubert, welches von den Gästen - hoffentlich - reichlich gefüllt wurde.

In einem Beitrag zweier Frauen unterhielten sich Göttinnen über das Thema der gleichgeschlechtlichen Liebe. Eine Göttin war die Göttin der Realität, die andere vertrat die Wunschträume. Der Grund warum ich diesen Beitrag erwähne, sind die Äußerungen über den Wunsch nach Selbstverständlichkeit von lesbischen und schwulen Beziehungen und dem Wunsch auf Toleranz und Verständnis zwischen allen Menschen. Dies entspricht auch meinen Idealen eines friedlichen Zusammenlebens aller Menschen weltweit unter Achtung der verschiedenen Kulturen und Traditionen.

Anbetracht diese Festes hat sich der jahrelange Kampf engagierter Lesben und Schwulen für mehr Rechte gleichgeschlechtlicher Beziehungen gelohnt. Ich hoffe dass Sylvia und Steffi für ewig glücklich miteinander sind.